Trauernde Eltern - Bericht einer Beraterin
oder
Frau Sommer ist verzweifelt
Es ist ein strahlender Frühlingsmorgen, die Vögel zwitschern, aus
dem Fenster heraus sehe ich die letzten Krokusse, die schon lila verblichen
ihre ersten Blüten verlieren.
Es ist 11 Uhr und Frau Sommer kommt zu mir in die Beratung. Sie möchte
sich über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten informieren.
Im Beratungsgespräch erzählt sie von ihrem Termin zur Feindiagnostik,
der für nächste Woche ausgemacht ist. Ich spüre ihre Unsicherheit
und Angst. Sie sagt: "Ach, es wird schon alles gut sein." Ich spreche
ihre Unsicherheit an, sie ist erleichtert, darüber sprechen zu können.
Ich biete ihr an, nach dem feindiagnostischen Ultraschall wieder zu kommen,
wenn sie reden will...
Es ist Freitag mittag, das Telefon klingelt. Herr Sommer ist am Apparat. Ob
er mit seiner Frau kommen könne, sie hätte ihm meine Telefonnummer
in die Hand gedrückt. Sie sei völlig verzweifelt und würde nur
noch weinen, weil mit dem Kind irgendetwas nicht in Ordnung ist.
Zwei Stunden später kommt das Paar Sommer zu mir in die Beratungsstelle.
Die lila Krokusse haben ihre Blüten verloren, die Sonne scheint.
Frau Sommer kann kaum reden. Ihr Mann erzählt, dass beim Ultraschall festgestellt
wurde, dass das Kind einen schweren Herzfehler hat. Die Gynäkologin, die
den Ultraschall durchgeführt hat, rät zur Amniozentese, um - wie sie
nach Aussagen von Herrn Sommer sagte - einen "genetischen Defekt auszuschließen".
Das Paar wird von Gedanken und Gefühlen überrollt, die es sich bisher
nicht vorstellen konnte. Frau Sommer sagt immer wieder: "Warum gerade unser
Kind? Ich bin doch erst 29 Jahre!"
Es geht in der Beratung um die Ängste des Paares, ihre Befürchtungen,
das Kind könnte neben der Herzerkrankung auch behindert sein. Ich frage,
wie sei sich ein Kind mit Behinderung vorstellen würden. Frau Sommer hat
Monsterphantasien, schämt sich gleichzeitig dafür. Herr Sommer ist
anfangs zurückhaltend, dann erzählt er von einem früheren Nachbarskind,
das im Rollstuhl saß und fast nichts ohne Hilfe machen konnte. Die beiden
stellen sich ein schwerstbehindertes Kind vor und fühlen sich den Anforderungen,
die sie nicht näher beschreiben können, und der Verantwortung, die
auf sie zukommen würde, nicht gewachsen. Wir reden lange, auch darüber,
ob Frau Sommer eine Amniozentese machen lassen soll. In Ihren Äußerungen
drückt sich ihre ganze Ambivalenz aus. Ich frage nach, was eine Diagnose
durch die Amniozentese für die beiden bedeuten würde. Sie wissen es
nicht. Wir reden über ihre Angst, mit einem Kind mit Behinderung nicht
fertig zu werden, überfordert zu sein, über ihre Angst, auf der Straße
beschimpft zu werden und über ihre Angst vor einem Spätabbruch, vor
den Schuldgefühlen dem Kind gegenüber, die sie dann hätte.
Es ist Mittwoch, heute regnet es. Herr Sommer ruft wieder an., meine Kollegin
reicht mir im Sekretariat den Telefonhörer mit den Worten: "Es ist
ein Herr Sommer, er will unbedingt heute noch kommen." Es ist bereits 18
Uhr.
Eine Stunde später stehen Herr und Frau Sommer vor der Tür. Sie sieht
völlig verweint aus und kann sich kaum auf den Beinen halten. Er sieht
mitgenommen und übermüdet aus. Vor 12 Tagen hatten wir das letzte
Gespräch. Mittlerweile wurde die Amniozentese gemacht und die ersten Ergebnisse
weisen auf "chromosomale Auffälligkeiten" hin. Daraufhin fuhren
Herr und Frau Sommer zum Spätabbruch in die Klinik, die ihnen vom Pränataldiagnostiker
empfohlen wurde.
Zum Spätabbruch sollte es jedoch nicht kommen, denn das Kind starb 2 Stunden
vor der Einleitung der Wehen an Herzstillstand. Die Geburt des nun schon toten
Kindes wir trotzdem eingeleitet, da sich Frau Sommer bereits in der 20. Schwangerschaftswoche
befindet.
Frau Sommer ist verzweifelt, gibt sich selbst die Schuld am Tod des Kindes,
weil sie es nicht wollte. Sie schämt sich dafür, dass sie nicht die
Kraft hatte, das Kind auszutragen. Herr Sommer ist mit der Situation überfordert
und weiß nicht mehr, wie er seiner Frau helfen kann und was er sagen soll.
Morgen soll die Beerdigung sein. Frau Sommer spricht von der Strafe Gottes,
aber auch davon, dass es vielleicht besser ist so. Sie weint und erzählt
unter Schluchzen, dass sie ihr Kind noch gesehen hat. Es hätte gar nicht
wie ein Monster ausgesehen sondern ganz friedlich, als würde es schlafen.
Erika Feldhaus-Plumin, Juli 2004